Hilfe, wir brauchen einen Exorzisten!


Dein Kind schmeißt sich gern vor Wut auf den Boden und brüllt herum? Ich beneide Dich! Wenn es beim Prinzen doch auch nur so unkompliziert wäre...

Durch die Gänge rollende Kinder im Supermarkt, Liegeblockaden auf dem Gehweg, verheulte Gesichter in Buggys, die in der Not zu Zwangsjacken umfunktioniert wurden – alles Alltagssituationen, die fast jeder schon einmal beobachtet hat. Dass Kinder und Wutanfälle perfekt zusammenpassen, bestätigen zudem zahlreiche Bücher. Neben Ratgebern à la „Erste Hilfe bei Wutanfällen“ oder „Das kleine Anti-Wut-Buch“ sind Erfahrungsberichte wie „Das kleine Wutmonster“ und „Du, ich hau‘ Dich gleich!“ zu finden.

Es war klar, dass sich der Prinz von Moabit in die Reihe der trotzenden Kinder einfügen würde. Die Heftigkeit der Anfälle sorgt jedoch bis heute für Überraschungen.


Die Entdeckung des Zeigefingers

Alles begann mit dem magischen Finger neben dem Daumen. Sobald der Prinz die Zeigefunktion entdeckt hatte, war sie im Dauereinsatz. Bereits als siebenmonatiger Knirps ließ er sich den ganzen Tag durch die Wohnung tragen und Gegenstände erklären. War die Antwort nicht zufriedenstellend oder, noch schlimmer, wagte man es, einmal nicht unverzüglich die geforderte Richtung einzuschlagen, ging das Drama los. Erste Phase: Aufgeregtes Wippen und nachdrückliches Zeigen auf das Wunschobjekt, mit Lauten untermalt, die keinen Widerstand dulden. Zweite Phase: Wütend mit den Beinen strampeln, schreien und weiterhin beharrlich zeigen. Finale Phase: Sich wie ein Besessener aufbäumen, abwechselnd kreischen und schluchzen. Schläge für den Erklärungsverweigerer nicht ausgeschlossen.
Wissensdurst ist schön, aber anstrengend. Würde es mit zunehmender Mobilität besser werden?


Der Friederich, der Friederich, der war ein arger Wüterich...

Naja... nicht unbedingt. Sobald der Prinz krabbeln konnte, hätte er einer der Hauptdarsteller im „Struwwelpeter“ sein können. Auslöser für die kindlichen Gewaltexzesse war die etwas unglückliche Kombination aus Ungeduld und Hartnäckigkeit. Gelang sein Vorhaben – beispielsweise Steine in eine Box zu stecken oder ein Spielzeug nach seinen Vorstellungen anzuordnen – nicht auf Anhieb, platzte die Wut aus ihm heraus. Schreiend schmiss er die Dinge, die sich seinem Willen entzogen, von sich, um sofort hinterherzukrabbeln und es erneut zu versuchen. Dieser Teufelskreis endete in der Regel nach fünf bis sechs Fehlschlägen und ging in einen Tobsuchtsanfall über. Wie in Raserei krabbelte er durch das Zimmer und warf alles, was ihm in die Quere kam, durch die Gegend. Flog es nicht weit genug oder knallte es nicht ausreichend, wurde es noch einmal geschmissen; und nochmal und nochmal und nochmal. Im Wohnzimmer bot sich zudem die Gelegenheit, Plastikgeschirr vom Regal zu fegen – dies tat der Prinz filmreif.

Was für entspannte Zeiten, könnten wir rückblickend sagen. Denn: Damals zählten wir noch nicht zu den Opfern.
Dies änderte sich mit der Fähigkeit des Laufens und Sprechens. Nun konnte der Prinz seine Wünsche klar artikulieren – wobei er von Anfang an niemals sagte „ich möchte“ oder „ich will“, sondern stets das theatralische „aber ich wollte doch“ wählte – und hatte seine Hände im Falle einer Verweigerung frei zum Schmeißen. Fortan lebten wir gefährlich. Neben Spielzeugen, (echtem) Geschirr und Schuhen sind Fernbedienungen, Schraubenzieher und Kinderstühle geflogen. Die Anlässe waren und sind die für Kleinkinder typischen: Ein Joghurtlöffel in der falschen Farbe, der Reißverschluss geht nicht schnell genug auf, das Verbot, die Zahnbürste ins Klo zu werfen.
Würden die Angst vor Verletzungen und das Mitleid mit dem Wüterich fehlen, könnte man herzlich lachen.


Wenn die anderen einfach nicht hören wollen     

Ein weiterer häufiger Grund für Wutattacken ist die fehlende Übereinstimmung von Vorstellung und Realität. Seit seinem zweiten Lebensjahr liebt es der Prinz, Pläne zu schmieden. Vor einem Ausflug erkundigt er sich beispielsweise, mit welchen Verkehrsmitteln wir fahren werden und überlegt sich, wo er sitzen möchte. Gibt es dann einen unverhofften Ersatzverkehr oder der Wunschplatz ist bereits besetzt, geht die Post ab. Ebenso verhält es sich mit Partyplänen: Wollen die Gäste nicht so, wie es sich der Prinz Tage zuvor ausgemalt hatte, ist er untröstlich.

Stichwort „untröstlich“: Ablenken und Trösten wird erst möglich, wenn der Prinz dafür bereit ist und von sich aus den Befehl „Tröste mich!“ gibt. Bis zu diesem Gefühlsumschwung bleibt uns nichts anderes übrig, als Schadensbegrenzung zu betreiben und zu denken:


Hilfe, wir brauchen einen Exorzisten!  

Quelle: Pixabay

Im dritten Lebensjahr hat der Wutschrei noch einmal einen stimmlichen Entwicklungsschub erlebt. Er ist nicht nur ohrenbetäubend laut, sondern gänzlich unmenschlich. Im Vergleich klingt das Gebrüll der Nachbarskinder wie ein liebliches Schlaflied. Während der Prinz diese gruseligen, verzerrten Laute von sich gibt, wiederholt er den Wunsch in einer Endlosschleife und tigert rastlos von einer Ecke zur nächsten. Hin und wieder bäumt er sich auf und gebärdet sich wie ein Besessener, so dass die schauspielerische Leistung im Film „Der Exorzist“ amateurhaft wirkt. Ich habe begriffen, dass die Redewendungen „vor Wut schäumen“ und „da kommt einem die Galle hoch“ nicht nur sinnbildlich zu verstehen sind und danke meinen Nachbarn dafür, dass sie noch nicht die Polizei gerufen haben.

Also, liebe Eltern, freut euch, wenn sich eure Kinder mit „auf den Boden schmeißen und heulen“ begnügen. Setzt euch entspannt daneben, genießt die Show und lächelt den Passanten zu. Es ist ja nur eine Phase... die schlimmer werden kann 😈

Zurück   /   Vor

Kommentare

  1. Kleiner Tipp von einer, die schon den Exorzisten im Haus hatte: es gibt Kinder, die treiben selbst Exorzisten in die Flucht. Und wenn du denkst, schlimmer geht nimmer, kommt mit Sicherheit ein selbsternannter Erziehungsexperte an die Supermarktkasse, an der dein Kind gerade zappelnd und schreiend auf dem Boden liegt, weil es keinen Schokoriegel bekommt - und gibt deinem Kind den Schokoriegel mit dem Kommentar: "Wenn deine Mama das nicht gibt, dann bekommst du es eben von mir." (Suptext: Hauptsache du kleine Kackbratze bist endlich still). Dumm nur, wenn es der falsche Schokoriegel war... :-D das war das erste Mal, dass ich herzlich lachen konnte, weil mein Troll den öffentlichen Rumpelstilz gemacht hat.
    In diesem Sinne wünsche ich euch noch viel Spaß mit eurem Prinzen :-)

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank für Deinen Kommentar, ich habe mich köstlich amüsiert und konnte das Entsetzen im Gesicht des "Erziehungsexperten" förmlich vor mir sehen :-D
    Dramen im Supermarkt gab es beim Prinzen auch schon, allerdings wegen des Autos (mit Einkaufskorb oben drauf) - ich habe doch tatsächlich den Schlüssel für das falsche Auto ausgeliehen, das geht natürlich gar nicht! Letztendlich kam eine Verkäuferin und fragte ihn, warum er so herumbrüllt. Sie konnte ihn sehr gut verstehen und holte unverzüglich den Schlüssel für das "richtige" Auto... ;-)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen